2.3.2021

Darf einem positive Psychologie auf die Nerven gehen?
Eine Einordnung für alle, die bei „Problemen mit Mascherl“ die Augen rollen.

Es scheint, als wären etliche Firmen im positive Psychologie Fieber. Wo man hinhört, werden Probleme zu Herausforderungen und Enttäuschungen zu Lernfeldern. Wir suchen unsere Anteile an unbequemen Situationen und streben nach Sinn und Glück. Als Berater*innen haben wir Lösungsorientierung und Zukunftsfokus ja in unserer DNA, aber darf einem die positive Brille auch einmal professionell so richtig auf die Nerven gehen? Bzw. etwas konstruktiver gefragt: In welchen Situationen ist positive Psychologie angebracht?

Bei der Auseinandersetzung herausgekommen sind, 1. ein Bild zur Einordnung von Möglichkeiten und Grenzen und 2. eine Liebeserklärung an die positive Psychologie auf Umwegen.

  1. Ein Bild: Wirkungsbereich der positiven Psychologie

Gleich zu Beginn die Antwort auf den Titel des Beitrags: ja, positive Psychologie darf auch nerven, und zwar dann, wenn sie als Schönfärberei missbraucht wird oder von außen verordnet wird. Waren sie schon einmal komplett überfordert mit einer Lebenslage, wollten sich so richtig Auslassen über ihre Ausweglosigkeit und haben dann zu hören bekommen was sie alles aus der Situation lernen können? Oder dass sie das Positive daran sehen sollen?

Wenn sie sich dadurch veräppelt oder sogar ein bisschen verzweifelt gefühlt haben, waren sie an der Grenze der positiven Psychologie. Ihre Methoden und Interventionen sind ressourcenorientiert und setzen Empfänglichkeit, Bereitschaft und Willen voraus, um wirken zu können. Es kommt vor, dass wir uns belastet fühlen und phasenweise nicht auf unsere Ressourcen zurückgreifen können (oder wollen). Da hilft auch die zehnte zirkuläre Frage nicht. Es stimmt von außen betrachtet, dass Schüler*innen durch distance learning Selbstorganisation lernen oder Berufsanfänger*innen beim Jonglieren mit 1000 tasks Resilienz und Führungskräfte im Auge des shit storms sich abzugrenzen. Aber in dem Moment fühlt es sich einfach nur furchtbar an. Es braucht Zeit und einen Schritt aus der Situation heraus, um wieder lösungsorientiert sein zu können. Im schlimmsten Fall handelt es sich sogar tatsächlich um eine psychosoziale Krise und positives Herumstochern kann den/die Betroffene*n noch weiter in die Krise stürzen. Das soll keine Angst verbreiten, ist aber in Zeiten der „Covid fatigue“ wichtig zu bedenken.

Fazit für Organisationen oder Teams, die positive Psychologie einführen wollen: positive Psychologie sollte in Maßen eingesetzt werden, authentisch sein und auch Platz für Probleme lassen, sonst landet sie in der Ecke des Schönredens. Außerdem gilt es achtsam zu sein im Urteil Personen gegenüber, die Widerstand zeigen oder eben übermäßig genervt sind, wenn sie aufgefordert werden auf Positives zu fokussieren. Im besten Fall fehlt einfach die Übung mit Fragen wie z.B.: „bei welchen Aufgaben hast du dich heute lebendig gefühlt?“ Im schlimmsten Fall haben sie es mit Menschen zu tun, die sich gerade sehr belastet fühlen und unter Spannung stehen. Hier gilt es zu schauen, wie die Person ihren Job angemessen ausüben kann und nicht wie er/sie darin die ultimative Erfüllung findet.

Zum Glück hat die Psyche allerdings den wunderbaren Trick der Resilienz auf Lager und in den allermeisten Fällen haben wir es in Organisationen mit robusten Menschen zu tun. Hier bietet die positive Psychologie ein übersichtliches Modell mit vielen Übungen, die den Blickwinkel verändern und richtig Spaß machen. An dieser Stelle kommen wir zu unserer:

  1. Liebeserklärung an die positive Psychologie

Dies erwartet Sie in unserem nächsten Blogbeitrag. Wenn Sie aber noch mehr erfahren wollen gibt es für Interessierte unseren Podcast in dem unsere Kollegin Anna Obkircher erklärt, was positive Psychologie eigentlich ist und kann: Link Podcast.

AUTORIN: Alexandra Hahn


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